Lesetraining mit stakkatierender Lesemethode

Der bekannte Didaktiker Hans Aebli sagte zurecht: “Beruflicher Erfolg und berufliches Fortkommen erfordern die Fähigkeit, mit [..] Texten umzugehen. Wer es kann, kommt mit. Wer darin versagt, bleibt sitzen oder geht unter.”1

Daraus folgt, dass legasthene Kinder, die Probleme mit dem Lesen aufweisen, am schlimmsten betroffen sind, denn eine Lesestörung wirkt sich nicht nur im Fach Deutsch aus, sie überschattet alle Lernfächer, verbaut die gesamte schulische Laufbahn und verhindert nicht selten den Betroffenen eine angemessene Berufsausbildung zu erhalten.

Das Lesetraining erfolgt in unseren Praxen seit 13 Jahren nach der von Dr. Hellwig entwickelten „stakkatierenden Lesemethode“ die sich im Wesentlichen auf den syllabierenden Ansatz nach Ch. Röber-Siekmeyer stützt. Das therapeutische Know-how der stakkatierenden Lesemethode besteht in dem synchronen rhythmischen Silbenklopfen und lautem Silbenlesen, zuerst mit dem Zeigefinger und später mit einem entsprechenden Finger für jede Silbe, die von einander durch einen Querstrich getrennt sind. Dadurch kann das gleichzeitige Stimulieren des feinmotorischen Gehirnzentrums, des motorischen und sensorischen Sprachzentren erfolgen, was zur stärkeren Vernetzung aller dieser für das Lesen relevanten Gehirnregionen beiträgt.

Zusammenhang der Feinmotorik und der Sprachentwicklung

Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass Motorik, vor allem die Feinmotorik, eng mit der Sprachentwicklung zusammenhängen. Der Grund dafür liegt offensichtlich daran, dass die Verarbeitungszentren von Fein- sowie Mundmotorik und Sprache im Gehirn dicht nebeneinander liegen und stark vernetzt sind. Dies zeigt deutlich den evolutionären Zusammenhang zwischen Feinmotorik und Sprache. Es ist bekannt, dass feinmotorisch beeinträchtigte Kinder auch Probleme bei der Sprachentwicklung sowie beim Lesenlernen zeigen.

Außerdem kann man davon ausgehen, dass durch das synchrone Klopfen und Sprechen wahrnehmungs- und sprachbasierte visuomotorische sowie die auditiv-artikulatorische Störungen gleichzeitig mitbehandelt werden.2 Durch Einsatz dieser Methode für die Therapie der Lesestörung konnten laut Aussagen der Eltern und Lehrer und anhand der eigenen Beobachtungen3 bei 85% der Kinder mit Lesestörungen signifikante Verbesserungen des Lesens festgestellt werden.4

Die stakkatierende Lesemethode darf als ein neurodidaktischer5 Ansatz im Leseerwerb gesehen werden. Die grundlegenden Ideen der Lesemethode sind aus der Verbindung von Sprachwissenschaften und moderner Hirnforschung hervorgegangen.

Dr. Nina Hellwig

Erlangen, 2013

1Aebli, 1983, S.115

2Das bei legasthenen Kindern oft Probleme in den auditiven sowie visuellen Bereichen vorhanden sind beweist z. B. Fischer (2011) in seinen Untersuchungen. Vgl. zu dem Thema auch S. Dehaene 2009, B. Fischer 2007 u.a.

3Die Verfasserin verfügt über eine langjährige Therapieerfahrung (in der Regel 2 bis 2,5 Jahre Therapie pro Kind, das entspricht ca. 100 Behandlungsstunden) mit legasthenen Kindern

4Durch die Studie der psychologischen Fakultät der Univ. Bamberg, wiss. Leitung Prof. J. Rüsseler konnten u.a. die langfristigen Erfolge dieser therapeutischen Lesemethode nachgewiesen werden.

5Der Begriff Neurodidaktik geht auf Prof. Dr. Preuß (1988) zurück